Marie Haushofer

Es lebe die Freiheit, es lebt, wer gewann Im Kampfe den Sieg, im Siege den Mann! Und ist er besiegt, so ist er uns Knecht, Wir schaffen uns selber unser Recht.                 Zurück zu den Powerfrauen

Diese Zeilen von Marie Haushofer waren Teil ihres Festspiels, das als krönender Abschluss des ersten bayerischen Frauentags im Oktober 1899 in München aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war etwas ganz Besonderes, denn zum ersten Mal trafen sich hier Frauen aus ganz Bayern, um ihre Rolle in Vergangenheit und Gegenwart zu erörtern. Die erste Welle der Frauenbewegung hatte es in München tatsächlich auf die große gesellschaftliche Bühne geschafft. Als Amazonen verkleidete Damen der besseren Gesellschaft zogen in den Rathaussaal ein und kämpften für ihre Rechte als Frauen.

Geboren wird Marie Haushofer am 14. Mai 1871 in München als zweites Kind des Professors Max Haushofer. Ihre Mutter Adele Fraas ist die Tochter des bekannten Münchner Professors für Agrarwissenschaft Karl Fraas (1810–1875). Als Marie zur Welt kommt, ist ihr Bruder Karl zwei Jahre alt. Bereits 1872 endet das Familienglück, denn Adele stirbt bei der Geburt ihres dritten Kindes Alfred; Vorahnungen ihres Tods bei der Geburt ihrer Kinder hatten sie die Jahre zuvor immer wieder heimgesucht. Von einem Tag auf den anderen muss sich Max Haushofer alleine um drei kleine Kindern kümmern, den vierjährigen Karl, die zweijährige Marie und einen Säugling. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als von der Von-der-Tann- Straße, wo die Familie bislang wohnte, nach Schwabing in die Schwabinger Landstraße 13 zu seinen Schwiegereltern zu ziehen, die hier in einem Mehrfamilienhaus mit großem Garten leben. Auch seine Mutter Anna Dumbser zieht in das Haus, um bei der Erziehung der Kinder zu helfen. In seinen Lebenserinnerungen schildert Haushofer später, wie schwer diese Zeit war, wie der Tod seiner Frau ihn zu einem anderen Menschen machte, ihm jeden Glauben nahm – aber wie ihn dieser Schicksalsschlag auch weiter zur Dichtung führte. Arbeit und die Heilkraft der Natur in den Bergen lassen ihn schließlich wieder zu sich kommen, die vielen folgenden Jahre werden ihm in München beruflichen, politischen und auch literarischen Erfolg bringen. Und immer schon verbringt Max Haushofer mit seinen Kindern alljährlich die Sommerfrische auf der Fraueninsel im Tuchmacherhaus.

14 Jahre lang hat die Familie ihren Wohnsitz in Schwabing und erlebt, wie der Bau zahlreicher weiterer Häuser in der Nachbarschaft Münchens Wachstum zur Großstadt ankündigt. 1886 wird das Anwesen Schwabinger Landstraße 13 dann zwangsversteigert und die Haushofer-Kinder müssen mit ihrem Vater das Haus ihrer Jugend verlassen. Das, was Karl Haushofer später über diese Zeit schreibt, mag auch für seine Schwester Marie gegolten haben: »Meine ersten Jugenderinnerungen sind abgesehen von einigen großen Schmerzen an die ich mich noch deutlich erinnere, wie den meiner heißgeliebten jungen schönen Adele-Mama mit zwei Paradiesen verbunden … Das sind der weite große Garten meiner Großeltern Fraas zwischen Siegestor und Schwabing in München, und die Fraueninsel im Chiemsee, die als Malerheim von meinem Großvater Max Haushofer […] 1828 entdeckt worden ist.«

Im Oktober 1886 zieht der 46-jährige Max Haushofer mit seiner Familie in die Schönfeldvorstadt an den Englischen Garten, in die Königinstraße 10. Marie ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Sozusagen um die Ecke wohnt die 32-jährige Emma Merk, die hier als Schriftstellerin arbeitet. Seit 1885 war sie, die Max Haushofer seit ihrer Kindheit kannte und mit der ihn stete Phasen der privaten wie beruflichen Annäherung und Distanzierung verbanden, zu einer engen Freundin geworden. Fortan unternimmt Haushofer immer wieder Bergtouren und auch Ferienreisen mit Emma Merk und seiner Tochter Marie. Mit Marie ist er außerdem viel allein unterwegs, sie begleitet ihn auf Wanderungen ins Gebirge und auf Vortragsreisen, worüber beide in privaten Aufzeichnungen berichten. Nach wie vor hält er sich in den Sommermonaten mit seinen Kindern und Emma meist am Chiemsee und auf der Fraueninsel auf, ihrer aller Lieblingsort. Haushofer betätigt sich dort nicht nur als Inselchronist, sondern veröffentlicht 1893 auch ein Büchlein, die Studie Chiemsee, in der er allerlei Wissenswertes über Natur und Kulturlandschaft des Chiemgaus mitteilt. Auch Marie lässt in den Künstlerchroniken als Malerin und Dichterin ihr Talent aufscheinen. Noch heute zeugen ihre Einträge und Unterschriften von der engen Beziehung der Familie Haushofer zur Insel.

Auf welcher Schule oder welchem Privatinstitut die jugendliche Marie ausgebildet wurde, ist nicht bekannt, es war aber wohl das Mädcheninstitut von Fräulein Ascher, das seinerzeit fast alle bürgerlichen Mädchen aus gutem Hause in München besuchten. Auch ob und wo Marie sich als Malerin hat ausbilden lassen, ist nicht überliefert. Spätestens ab 1896, mit 25 Jahren, arbeitet sie jedoch bereits in einem eigenen Atelier. Ihr Schwerpunkt liegt bald auf dem Kopieren der großen Meister, die sich in der Alten Pinakothek finden – mit diesen Auftragsarbeiten verdient sie vor allem auch ihr Geld. So sind aus der Zeit vor 1900 viele Landschaftsbilder, Porträts und eben Kopien bekannter Gemälde von ihr überliefert, auf die man noch heute bei Auktionen stoßen kann.

Maries Tagebuchaufzeichnungen bekunden ihr sehr enges Verhältnis zu ihrem Vater und zeigen, dass sie all seine Interessen teilte – die Liebe zur Natur, zu den Alpen und zur Fraueninsel, aber auch die Liebe zur Dichtung und zur Malerei. Diese Doppelbegabung, die sich in der Familie Haushofer immer wieder manifestiert, hat auch sie geerbt. Zusammen mit ihrem Vater ist Marie Gast in den vielen literarischen Salons, die München um die Jahrhundertwende prägen, darunter zuvorderst der Salon Carry Brachvogels. Die damals 31-jährige Carry und die 26-jährige Marie freunden sich schnell und intensiv an.

Es verwundert nicht, dass sich auch Marie Haushofer zusammen mit Emma Merk, ihrem Vater Max und ihrer Schwägerin Martha Haushofer ab 1894 in der modernen Frauenbewegung engagiert. Sie alle werden Mitglieder in der »Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau«, dem späteren Verein für Fraueninteressen, der einen großen Anteil daran hat, dass sich die bürgerliche Frauenbewegung auch in Bayern ausbreiten kann. Der Weg zum politischen Engagement ist für Marie dabei ein kurzer: Ihr Vater war schließlich nicht nur ein bekannter Professor für Nationalökonomie und Statistik, sondern politisch selbst äußerst aktiv und Mitglied der Nationalliberalen Partei. Auch in diesem Kontext verfasst er immer wieder zahlreiche Artikel über die gesellschaftliche Stellung der Frau im Kaiserreich und über die gesellschaftliche Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit der Frau. Mit diesem Gedankengut wuchs Marie Haushofer – neben der omnipräsenten Poesie und Malerei – auf, sog die Ideen der Emanzipation sozusagen von klein auf in sich ein.

1899 findet in München der erste bayerische Frauentag statt, den der Münchner Verein für Fraueninteressen unter der Leitung seiner Vorsitzenden Ika Freudenberg vom 18. bis zum 21. Oktober veranstaltet und der zu einem wichtigen Anstoß der Gleichberechtigungsbewegung in Bayern wird. An dem damals Aufsehen erregenden Kongress nehmen mehr als 50 Frauen aus 14 bayerischen Städten teil. ZahIreiche Veranstaltungen und Diskussionsrunden finden im Münchner Alten und Neuen Rathaus, in den Sälen des Café Luitpold und im Katholischen Kasino in der Maxvorstadt statt. Das Spektrum der Vorträge umfasst Themen wie »Was die Frauenbewegung von den Hausfrauen erwartet« oder »Die Frau im öffentlichen Leben« bis hin zu »Die Organisation der Münchner Kellnerinnen«. Eine Rede von Marie Stritt aus Dresden über »Die Stellung der Frau im neuen Bürgerlichen Gesetzbuch« beschließt die Vortragsreihe. Auch Max Haushofer hält einen Vortrag, äußert seine Gedanken zum »Erwerbsleben der Frau«.

Das Finale des Frauentags allerdings übertrifft wohl alle Erwartungen: ein Festspiel mit dem Titel Zwölf Culturbilder aus dem Leben der Frau. Die Verfasserin ist niemand anderes als Marie Haushofer. Ursprünglich sollte das Festspiel im Bayerischen Hof aufgeführt werden, tatsächlich kommt es aber am Samstag den 21. Oktober 1899 im Saal des Katholischen Kasinos in der Barerstraße 7 auf die Bühne. Regie führt Sophie Goudstikker, als Schauspielerinnen treten die Hauptprotagonistinnen und auch männlichen Unterstützer der Münchner Frauenszene selbst auf: Emma Merk, Marie Haushofer, Martha Haushofer, Sophie Goudstikker, Katja Pringsheim, Therese Schmidt und viele andere.

Auch wenn das erste überlieferte literarische Werk von Marie Haushofer, ihr Festspiel, erst aus dem Jahr 1899 stammt, ist davon auszugehen, dass sie sich schon zuvor literarisch betätigt – so ein Schauspiel schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel. Zentrales Thema der Zwölf Culturbilder ist die Rolle der Frau in Geschichte und Gesellschaft. Die Figur der Klio, die Muse der Geschichtswissenschaft, eröffnet das Festspiel. Sie begrüßt das bevorstehende neue Jahrhundert, beklagt die vie- len Kriege, die es in der Geschichte gegeben hat, und die Massen an Menschen, die immer wieder »dämonischen Führergeistern« folgen mussten. Was sie aber vor allem betrübt, ist die einseitige Geschichtsschreibung, die nur von den Taten der Männer berichtet:

Doch was auch Großes hier mein Griffel zeigt, 
Eins ist, von dem mir die Geschichte schweigt; 
Sie spricht von einer Menschheitshälfte nur – 
Und von der andern fehlt mir oft die Spur! 
Es ist der Mann, der kämpft, erfindet, 
Der Mann ist’s der den Staat gegründet 
Und fügte der Kulturwelt Bau;
Was that in all’ der Zeit die Frau?
Wohl seh ich auch in alten Tagen
Mit Stolz gekrönte Frauen ragen
Nicht nur in Purpur, Gold und Glanz 
r
Nein auch im dunklen Lorbeerglanz 
Und mit der Lebensfreude Rosen! – Doch die Millionen Namenlosen, Was haben sie in all’ den Jahren 
An Menschenglück und Leid erfahren?
Hat sie wohl je der Strom der Zeit durchbebt 
Und haben sie nicht ganz umsonst gelebt? 
Was sie in zwei Jahrtausenden getrieben – 
Soll ich als Einziges immer schreiben: Lieben? 

Und so bittet Klio schließlich Mutter Erde um Auskunft über die Stellung der Frau in vergangenen Epochen und bekommt als Antwort zwölf »Culturbilder«:                       

Zurück zu den Powerfrauen

Während eines fortwährenden Dialogs, den die mythologischen Figuren Klio und Mutter Erde nun miteinander führen, werden zwölf historische Szenen heraufbeschworen, in jeder wird nach dem Platz der Frau im vorgeführten Abschnitt der Menschheitsgeschichte gefragt. Die Abfolge beginnt mit den klugen und törichten Jungfrauen aus der Bibel. Danach stürmen die Amazonen auf die Bühne. Sie, die frei heitsliebend, unabhängig, aktiv, kampflustig und mutig sind, leben nach ihren eigenen Gesetzen in einer reinen Frauengemeinschaft. Einen Mann holen sie sich nur, wenn sie ihn als Knecht brauchen. Im dritten Bild werden Orientalinnen vorgeführt, Haremsfrauen, die mit ihrem Herrn auftretenMutter Erde warnt Klio davor, von diesen Frauen, die als dumm, kleinlich und eifersüchtig präsentiert werden, irgendetwas zu erwarten. Sie stellen in jeder Hinsicht den denkbar größten Kontrast zu den frei- zügigen, großmütigen Amazonen dar. Eine implizite Kritik der damaligen bürgerlichen Ehefrau ist hier nicht zu überhören.

Die chronologische Abfolge läuft weiter: Es erscheinen Germaninnen, dann eine Gruppe von Benediktinerinnen, schließlich ein Trauerzug für den mittelalterlichen Dichter Frauenlob mit seinem blumengeschmückten Sarg – eine implizite Ehrung der männlichen Unterstützer der Frauenbewegung. Es folgt der italienische Humanist Ariost im Gespräch mit zwei gebildeten Damen der Renaissance, dann eine Familie aus der Zeit des Dreißigjäh- rigen Krieges, in der die Ehefrau ihren kriegsversehrten Mann unterstützt. An eine Gruppe von intriganten Rokoko-Hofdamen schließt sich Königin Luise von Preußen an. Das vorletzte Bild befasst sich erneut mit der Rolle der Frau im Krieg. Es zeigt wieder einen verwundeten Soldaten, der dies- mal von zwei Krankenschwestern begleitet wird, die ihn pflegen. Die unmit- telbare Gegenwart, die Zeit um 1900, erscheint im Schlussbild: Berufs- tätige Frauen, eine Schar sogenannter »Frauen von heute«, übernehmen die Bühne: Arbeiterinnen, Telefonistinnen, Buchhalterinnen, Gelehrte, Malerinnen und viele andere. An dieser Stelle tritt nun die allegorische Figur der Arbeit auf. Sie ist es, die alle Frauen befreit:

Ich bin die Arbeit, und ich führ’ sie an,
Die Frau’n von heut sowie den heut’gen Mann! O glaubt nicht, daß ich in vergang’ner Zeit
Den Frauen fern gewesen sei!
Nur aus der häuslichen Verborgenheit
Trat selten ich in’s Leben, offen, frei!
Doch heute steht die Welt in meinem Zeichen! Und Jung und Alt, die Armen und die Reichen: Sie alle stehen unter meinem Bann,
Und Jeder thut von ihnen, was er kann!
Es ruht der Menschheit allerbeste Kraft
In dem was Jeder für das Ganze schafft;
Und kargt das Glück, ist ernst das Leben,
So heiligt Arbeit jedes Streben!
[…] Wenn Ihr Euch einmal habt an mich gewöhnt Und mit des Lebens Forderung ausgesöhnt!
Wie weiß ich inneres Glück zu schenken
Für Wissensdrang, für ernstes Denken!
[…] Wie winkt für sie nach Tageslast
Am Abend wohlverdiente Rast!
So daß sich alle selber achten,
Wenn sie zum Schluß ihr Werk betrachten,
Für täglich treu erfüllte Pflicht
Geleit ich Euch hinan zum Licht!

Klio nimmt die Figur der Arbeit an der Hand, begrüßt die Teilnahme der Frauen an der Kunst, der Wissenschaft und dem Lehrberuf und ruft sie zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterstützung auf. Begleitet werden diese arbeitenden Frauen, denen Gegenwart und Zukunft geh ren, von den allegorischen Figuren Glaube, Liebe und Hoffnung:

So habt ihr endlich Euch gefunden
Von ernster Arbeit treu verbunden!
So mög’ es bleiben und ein festes Band Schling sich um alle Frau’n aus jedem Stand. Ihr braucht es! Denn der Daseinskampf ist hart, Und wird kaum einer Einzigen erspart!
Ihr legt die Arbeitshände voll Vertrauen
Hier in die Freundeshände all’ der Frauen,
Die ihre volle Kraft, ihr ganzes Leben Gewidmet einem ernsten, großen Streben,
Der Kunst, der Wissenschaft, dem Lehrberuf, Dem regen Treiben, das die Neuzeit schuf!

Marie Haushofers Festspiel ruft grössten Beifall in der Münchner Tagespresse hervor. 

(In den Münchener Neuesten Nachrichten vom 24. Oktober 1899 kann man damals lesen: »Vor dem Auge des Zuschauers zog die Frau vorüber in ihrer sozialen und geistigen Entwicklung. […] das Weib, wie es sich aus Knechtschaft und Unkultur zu Wissen, Arbeit und Freiheit emporringt, zieht, von Mutter Erde gerufen, von Klio geschildert, vorüber. Die Dichtung von Frl. Marie Haushofer ist eine werthvolle, von poetischem Empfinden und dichterischer Kraft erfüllte Gelegenheitsdichtung, die stürmischen Beifall fand. Die Rolle der Muse und Geschichte sprach Frl. Goudstikker, die der Mutter Erde Fräulein Schmidt mit vollem Verständniß. […] Nur sei erwähnt, daß die Regie in den Händen von Fräulein Goudstikker und Fräulein Buttgereit lag, daß die einzelnen Bilder von prachtvoller, malerischer Wirkung waren, und daß der von Frau v. Belli de Pino vorzüglich einstudirte Schlußchor prachtvoll klang.«

1901 wird das Festspiel auch in Nürnberg aufgeführt, 1902 dann sogar im Opernhaus in Bayreuth, wo es gefeiert wird: »Der künstlerische und pekuniäre Erfolg in Bayreuth war ein großer. […] Alle Mitwirkenden wetteiferten zum Gelingen des Ganzen, jedes Bild entfaltete künstlerisches Verständnis, und das Schlußbild in seiner herben Pracht und malerischen Anordnung war das Schönste, was wir in dieser Beziehung seit Jahren gesehen haben. Der Eindruck wurde noch verstärkt durch den hinzu gesungenen herrlichen Chor aus den Meistersingern: ›Wacht auf, es geht gen Tag‹. Aller Orten, erlauben es die Bühnenverhältnisse, dürfte dies Festspiel zur Aufführung empfohlen werden, überall wird seine edle, gedankenvolle Sprache einen Widerhall finden.«

Auch wenn sich Marie Haushofers Dichtung in die Münchner historisierende Festspielkultur um die Jahrhundertwende einfügt, so waren Festspiele wie ihres damals ebenso in anderen Ländern üblich. Theateraufführungen, Umzüge und Festspiele spielten etwa eine sehr wichtige Rolle in der englischen Frauenbewegung, gerade am Anfang des 20. Jahrhunderts. 

Die Literaturwissenschaftlerin Helen Watanabe-0’Kelly, eine Expertin für deutsche und englische Theater- und Festspielkultur um 1900, ist der Auffassung, dass Festspiele von der damaligen deutschen und englischen Frauenbewegung als politisches Instrument genutzt wurden, um die traditionelle Rolle der Frau mit theatralen Strategien zu hinterfragen. Bemerkenswert an Marie Haushofers Festspiel sei die Tatsache, dass weder Mutterschaft noch Ehe als Bestimmungen der Frau hochgehalten werden, sondern berufliche Tätigkeit und aktives Mitwirken an der Gesellschaft. Marie Haushofers Stück versuche, die Frauen zur Arbeit und Eigenständigkeit aufzurufen und dabei möglichst viele verschiedene Gruppen anzusprechen: Lehrerinnen und Krankenschwestern, jüngere Frauen in modernen Büroberufen sowie traditionelle Katholikinnen. Subversives Potenzial sieht Helen Watanabe-O’Kelly in der Amazonenszene, die für Eingeweihte einen Subtext haben musste. Ika Freudenberg, Vor- sitzende des Vereins für Fraueninteressen und Leiterin der Sitzungen auf dem Frauentag, lebte nämlich in lesbischer Partnerschaft mit der Fotografin Sophia Goudstikker, die bei Maries Zwölf Culturbildern ja nicht nur Regie führte, sondern auch die Rolle der Klio spielte. Die Idee eines Ama- zonenstaats bot diesen Frauen eine verlockende Alternative zur patriar- chalen bürgerlichen Gesellschaft, in der die Ehe als Hauptinstrument zur Entmündigung der Frau diente. Die angekreidete Verblödung der Frau, die aus den Geschlechtervorstellungen des 19. Jahrhunderts resultierte, sieht Watanabe durch die auftretenden Orientalinnen angedeutet und im- plizit auf die zeitgenössischen deutschen Frauen bezogen. In einem eng- lischen Festspiel, das um die Jahrhundertwende entstand, wird für diesen Missstand im Übrigen explizit der Mann des 19. und frühen 20. Jahrhun- derts verantwortlich gemacht. Maries Schauspiel sollte also unterhalten, aber auch belehren und das Wirken der Frauen in der Geschichte sichtbar machen – dazu zeigen, dass die gesellschaftliche Lage von Frauen das Ergebnis der historischen Entwicklung und der jeweiligen Zeitumstände war und nicht biologisch bedingt. Es sollte die Gäste sicher auch dazu ani- mieren, die Ideen der Frauenbewegung mitzunehmen und in die Welt zu tragen.

Wie Emma Merk, wirkt Marie im neuen Jahrhundert an vorderster Front im Verein für Fraueninteressen, dem Flaggschiff der modernen Frauenbewegung in Bayern. Auch künftig schreibt sie für dessen Zwecke Festspiele und Gedichte, hält immer wieder Referate über Frauen in Kunst und Literatur. Einen Einschnitt in Maries Leben stellt das Jahr 1902 dar, als im Sommer ihre Großmutter Anna Dumbser stirbt, die ehemalige Wirtstochter vom Gasthof Zur Linde, die Marie und ihre beiden Brüder mit aufgezogen hatte. Begraben wird sie auf der Fraueninsel im Familiengrab der Dumbsers. 

1907 trifft Marie ein Schicksalsschlag, ihr Vater Max Haushofer stirbt in Gries bei Bozen. Er wird auf die Fraueninsel überführt, um hier seine letzte Ruhe zu finden. In Trauerbriefen berichtet Marie von dem Begräbnis auf Frauenchiemsee, vom Trauerzug, der sich vom Tuchmacherhaus zum Inselfriedhof bewegte, wo man ihren Vater in das Familiengrab bettete. Emma Haushofer-Merk und Marie verbleiben allein im Haus in der Königinstraße am Englischen Garten und bewältigen den für beide großen Verlust mit Arbeit und Kreativität. Wie bisher wirken sie auch fortan Seite an Seite an der Front des Vereins für Fraueninteressen. Seit 1910 ist Marie überdies inoffizieller Vorstand der vereinseigenen Jugendgruppe. 1913, als die Gruppe zum ersten Mal eine Vorsitzende aus ihren eigenen Reihen wählen darf, erhält sie auch dieses Amt.

Doch auch als Dichterin ist Marie wieder aktiv: Für den Münchner Jugendtag schreibt sie das Festspiel Frau Holle; es kommt am 29. Mai 1910 in München zur Aufführung. Am 31. Januar 1912 wird im bekannten Münchner Künstlerinnenhaus in der Barerstraße ihr Gedicht »Die Führerin« auf einer Gedenkfeier für Ika Freudenberg vorgetragen. 1914 schlie lich dichtet sie wieder ein großes Festspiel für ein bedeutendes Jubiläum: Die Feier des 20-jährigen Bestehens des Vereins für Fraueninteressen steht an. In den thematischen Mittelpunkt stellt Marie hier Geschichte und Vergangenheit – und die Bedeutung der Erinnerung als Brücke zu Gegen- wart und Zukunft. Und so trägt das Stück dann auch den Namen »Der Garten der Erinnerung«. Unter großem Applaus wird es am 4. Mai 1914 im Künstlerinnenhaus aufgeführt: »Der von den Mitgliedern der Jugendgruppe festlich geschmückte Saal des Künstlerinnenhauses vermochte die Zahl der Teilnehmerinnen kaum zu fassen. […] Ein reizendes Festspiel, von Marie Haushofer verfaßt, führte uns von der Vergangenheit zur Gegen- wart, in stimmungsvoller Mischung von Ernst und Scherz der Arbeit der verflossenen 20 Jahre, in huldigender Verehrung der verewigten Führerin Ika Freudenberg gedenkend!« Der Text ist verschollen, nur ein überliefertes Programmblatt teilt heute noch mit, welche Figuren auftraten und wer die Schauspieler waren – unter ihnen Carry Brachvogel, Emma Haushofer- Merk und Marie Haushofer selbst.

Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, ist auch Marie Haushofer hochengagiert im Verein für Fraueninteressen und leistet Kriegshilfe für das »Vaterland«. In den überlieferten Jahresberichten ist immer wieder die Rede davon, wie sie großen Eindruck hervorruft durch ihre Auswahl an Kriegslyrik und Prosa. 1919 dann, nach dem Krieg, zieht sie in die Liebigstraße 17, ins heutige Lehel. Hier mietet Marie eine Atelierswohnung im großbürgerlichen Haus der Familie Eberth. Möglicherweise will Marie mit diesem Schritt ein etwas eigenständigeres Leben anstoßen, auch deshalb, weil sie zu diesem Zeitpunkt ein Verhältnis mit dem zehn Jahre jüngeren Pianisten Wolfgang Ruoff (1882 – 1964) pflegt. Laut den Aufzeichnungen ihres Neffen Heinz Haushofer war Ruoff nicht nur ihr »langjähriger Freund«, sondern »partizipiert[e]« auch an ihrem »genialischen Haushalt«. Obwohl er verheiratet ist und Kinder hat, sucht der Musiker Marie täglich in ihrer Atelierswohnung auf, ist ständiger Gast, gehört sozusagen zum Haus dazu. Dies bestätigt auch Gertrud Eberth- Heldrich (*1929), die Marie als kleines Mädchen täglich erlebte, hatte die Malerin, Dichterin und Frauenrechtlerin doch ihre Wohnung im Haus der Familie Eberth bezogen. Sie erinnert sich an Marie Haushofer noch heute als hochgebildete Dame, sehr aufgeschlossen und kinderlieb. Sie habe viel mit den Kindern im Haus gesprochen, habe oft extra für sie die Tür zu ihrem Atelier offen stehen lassen. Der Geruch von Farben habe dann das ganze Treppenhaus erfüllt. Marie sei eine sehr elegante Erscheinung und auch tagsüber oft in einem delikaten lila Nachtrock anzutreffen gewesen.

(Im Sommer 1925 stirbt Emma Haushofer-Merk unmittelbar nach einer Operation im Krankenhaus. Marie ist es, die mit ihr die letzten Stunden im Krankenhaus verbringt – ein letztes Zeichen ihres lebenslangen sehr engen Verhältnisses zu der 17 Jahre älteren Emma. Aufgewühlt schildert Marie noch in derselben Nacht in einem Brief an Christine Mayer-Doss, eine Freundin Emmas, ihre Eindrücke und Gedanken: »Ich schreibe an Dich, weil es mich dazu treibt und weil ich mir seit der entsetzlichen Stunde, die ich am Samstag früh von 4–5 unter Emma’s erleuchtetem Klinikfenster zugebracht habe, geschworen habe, dass ich von nun an seelischen Impulsen folgen will und sie nicht durch blöde Hemmungen unterdrücken. […] Mit traurigen Einzelheiten will ich Dein Freundesherz verschonen; wenigstens durften wir, Anna und ich, die allerletzten Stun- den mit ihr teilen u. diese waren ziemlich ruhig, wir haben halt mit ihr ge- litten […]. Erst jetzt finde ich etwas Ruhe in einem Gedanken, den Emma’s Ende mir eingegeben hat. Denke Dir, ich kann nicht glauben, dass die Natur so verschwenderisch sein sollte, das Beste im Menschen, was mir heißt, Begabung, Güte, Seele nennen, ganz zu vernichten, trotzdem doch chemisch nichts verloren geht. Ich glaube also nun; dieses Seelische ist vielleicht eine Art Ausstrahlung vom Menschen wie das Radio oder draht- lose Telegrafie; daher die plötzlichen Sympathien etc. und verlässt den Körper des Menschen bei seinem Tod etwa nach und nach, wie in Wellen, um sich irgendwie als geistige Kraft ins All zu ergießen und aufzulösen. Du wirst sehen, einmal wird man das entdecken und dann werden sich viele Phänomene wie Telepathie, Ansagen Sterbender, Fernsehen etc. so einfach erklären, wie jetzt das Telephon und die drahtlose Telegraphie, geschweige Radio. […] Nun will ich Dir noch sagen, dass Emma’s Ein- äscherung sehr feierlich und schön war, umgeben von Blumen und vielen Freunden und wärmsten Freundesworten […] – Schopenhauer hat eben doch recht mit dem Mitleid. ›Durch Mitleid wissend.‹«)

Seit 1933 geht es mit allen Frauen, die sich in der modernen bürgerlichen Frauenbewegung engagiert und hier für Selbstbestimmung und finanzielle Unabhängigkeit gekämpft hatten, steil abwärts. Marie Haushofer muss mit ansehen, wie ihre Freundin Carry Brachvogel Berufs- und Publikationsverbot erhält und der Münchner Schriftstellerinnen-Verein aufgelöst wird, den ihre Stiefmutter Emma 1913 mitgegründet hatte. Auch der Bund deutscher Frauen (BDF) löst sich auf, man will der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten entgehen.

Sieben Jahre später endet auch Maries Leben tragisch und traurig. Sie ist jetzt 69 Jahre alt und leidet an Geldmangel, denn nicht nur die Auftragslage ist während des Krieges eine Katastrophe, sie hat jetzt auch gesundheitliche Probleme, die ihre Arbeit beeinträchtigen. In Briefen an ihre Schwägerin Martha Haushofer berichtet sie ab September 1940 von einer akuten Erkrankung, von ihrer großen Angst vor dauerndem Siech- tum, auch wenn behandelnde Ärzte, die sie ins Krankenhaus einweisen wollen, ihre Befürchtungen nicht verstehen.

Tatsächlich entscheidet sich Marie 1942 im Ablauf von nur wenigen Wochen für den Freitod. Wolfgang Ruoff ist der letzte, der sie lebend sieht: Am Mittwoch, den 10. Oktober, verbringt er den Abend mit Marie. Nachdem er ihr noch einen Roman vorgelesen hat, verlässt er sie irgendwann in der Nacht. Als er am nächsten Morgen um zehn Uhr Maries Atelier betritt, ist sie verschwunden. Ohne Worte des Abschieds, ohne einen Abschiedsbrief an ihn oder ihre Geschwister. In einer verschlossenen Schublade, deren Schlüssel sie ihm einige Tage zuvor gegeben hatte, findet er eine Verfügung über ein offenes Depot und eine von ihr verfasste »Krankheitsgeschichte«. Hier berichtet sie von Lähmungserscheinungen im Rücken, Sehstörungen und von ihrer Überzeugung, an einer schweren Nervenkrankheit zu leiden, von ihrer Angst, verrückt, blind und arbeitsunfähig zu werden, ihren Geschwistern finanziell zur Last zu fallen – zuletzt kommen ihre Überlegungen zur Sprache sich umzubringen. Ruoff ist verzweifelt und irrt durch das Haus. Mittags ruft er Maries jüngeren Bruder Alfred Haushofer in Seebruck an, teilt mit, dass er das Schlimmste befürchtet. Zu einem späteren Zeitpunkt schreibt dieser wiederum seinem Bruder Karl, wie er mit dem weinenden Ruoff eine unsägliche Nacht in Maries Atelier verbracht habe, wie sie am folgenden Tag bei Bekannten nach Marie gesucht und schließlich eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben hätten. Der letzte Funke Hoffnung – Marie hat sich ja nicht von Ruoff verabschiedet – schwindet, Alfreds Bericht nach, bald. Er schreibt an Karl, dass er nun glaube, dass die Schwester wohl alle mit ihrem Versprechen, ins Krankenhaus zu gehen, getäuscht und beruhigt habe, damit niemand sie von ihrem Vorhaben abbringe.

Am 2. November 1940 wird Maries Leiche bei Neufinsing am Kraftwerk in der Isar aufgefunden. Nach der Einäscherung in München erteilt die Gemeinde Chiemsee die Erlaubnis, die Asche im Familiengrab auf dem Friedhof der Fraueninsel beizusetzen. Neben Marie Haushofer ruhen hier heute noch die Personen, die außer Wolfgang Ruoff ihre engsten Bezugspersonen waren: ihre Stiefmutter und Freundin Emma Haushofer- Merk, ihr Vater Max Haushofer, ihr Bruder Alfred Haushofer und ihre Großmutter Anna Dumbser. Nach Maries Tod zieht Wolfgang Ruoff ins Münchner Hildebrandhaus, wo er bereits seit 1934 Wohn- und Atelierräume angemietet hatte. Er lebt noch bis 1965 und zählt zu den bekannten und begabten Pianisten seiner Zeit.

Das Leben einer gesellschaftlich hochengagierten, begabten, kreativen Malerpoetin, einer der Vorreiterinnen und tragenden Figuren der modernen Frauenemanzipation geht 1940 zu Ende. Noch heute liegen im Stadtmuseum München Kleidungsstücke von ihr, die aus der Zeit um 1900 stammen. Im Familienarchiv der Haushofers finden sich Aufzeichnungen, Briefe, Fotos und Alben. Porträts, die in damals so angesagten Foto-Ateliers wie dem Fotostudio Elvira oder dem Atelier Helios von Anna Neumayer entstanden. Sie zeigen dem heutigen Betrachter eine sehr präsente, elegant gekleidete Frau mit manchmal herausforderndem, manchmal schwärmerischem Blick.

(Heinz Haushofer beschrieb seine Tante Marie nach ihrem Tod in privaten Aufzeichnungen – und hinterließ dabei die knappe, aber umso einprägsamere Vision einer beeindruckenden Frau: 

»Marie Haushofer war eine hochbegabte, sehr selbstständige, in ihrem Intellekt eher männlich wirkende Frau, die infolgedessen auch nie heiratete und in ihrer Atelierswohnung in einem Gartenhaus an der Liebigstraße in München einen eher genialisch zu nennenden Haushalt führte. […] Von Marie Haushofer gibt es, besonders aus ihren jüngeren Jahren, Landschaften und Porträts. Ihr Stärke aber lag später und das war auch ihr Brot im Kopieren der großen Meister, besonders der Alten Pinakothek. Sie spielte auch in den Organisationen der Münchner Künstlerinnen eine Rolle, schrieb Festspiele.«)

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