“Marie Haushofer” – Ingvild Richardsen spricht mit Uwe Kullnick über ein Jahrhunderttalent – Frauenpower 1900
Hördauer 31 Minuten

Geboren wird Marie Haushofer am 14. Mai 1871 in München als zweites Kind des Professors Max Haushofer. Ihre Mutter Adele Fraas ist die Tochter des bekannten Münchner Professors für Agrarwissenschaft Karl Fraas (1810–1875). Als Marie zur Welt kommt, ist ihr Bruder Karl zwei Jahre alt. Bereits 1872 endet das Familienglück, denn Adele stirbt bei der Geburt ihres dritten Kindes Alfred; Vorahnungen ihres Tods bei der Geburt ihrer Kinder hatten sie die Jahre zuvor immer wieder heimgesucht. Von einem Tag auf den anderen muss sich Max Haushofer alleine um drei kleine Kindern kümmern, den vierjährigen Karl, die zweijährige Marie und einen Säugling. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als von der Von-der-Tann- Straße, wo die Familie bislang wohnte, nach Schwabing in die Schwabinger Landstraße 13 zu seinen Schwiegereltern zu ziehen, die hier in einem Mehrfamilienhaus mit großem Garten leben. Auch seine Mutter Anna Dumbser zieht in das Haus, um bei der Erziehung der Kinder zu helfen. In seinen Lebenserinnerungen schildert Haushofer später, wie schwer diese Zeit war, wie der Tod seiner Frau ihn zu einem anderen Menschen machte, ihm jeden Glauben nahm – aber wie ihn dieser Schicksalsschlag auch weiter zur Dichtung führte. Arbeit und die Heilkraft der Natur in den Bergen lassen ihn schließlich wieder zu sich kommen, die vielen folgenden Jahre werden ihm in München beruflichen, politischen und auch literarischen Erfolg bringen. Und immer schon verbringt Max Haushofer mit seinen Kindern alljährlich die Sommerfrische auf der Fraueninsel im Tuchmacherhaus.
14 Jahre lang hat die Familie ihren Wohnsitz in Schwabing und erlebt, wie der Bau zahlreicher weiterer Häuser in der Nachbarschaft Münchens Wachstum zur Großstadt ankündigt. 1886 wird das Anwesen Schwabinger Landstraße 13 dann zwangsversteigert und die Haushofer-Kinder müssen mit ihrem Vater das Haus ihrer Jugend verlassen. Das, was Karl Haushofer später über diese Zeit schreibt, mag auch für seine Schwester Marie gegolten haben: »Meine ersten Jugenderinnerungen sind abgesehen von einigen großen Schmerzen an die ich mich noch deutlich erinnere, wie den meiner heißgeliebten jungen schönen Adele-Mama mit zwei Paradiesen verbunden … Das sind der weite große Garten meiner Großeltern Fraas zwischen Siegestor und Schwabing in München, und die Fraueninsel im Chiemsee, die als Malerheim von meinem Großvater Max Haushofer […] 1828 entdeckt worden ist.«
Im Oktober 1886 zieht der 46-jährige Max Haushofer mit seiner Familie in die Schönfeldvorstadt an den Englischen Garten, in die Königinstraße 10. Marie ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Sozusagen um die Ecke wohnt die 32-jährige Emma Merk, die hier als Schriftstellerin arbeitet. Seit 1885 war sie, die Max Haushofer seit ihrer Kindheit kannte und mit der ihn stete Phasen der privaten wie beruflichen Annäherung und Distanzierung verbanden, zu einer engen Freundin geworden. Fortan unternimmt Haushofer immer wieder Bergtouren und auch Ferienreisen mit Emma Merk und seiner Tochter Marie. Mit Marie ist er außerdem viel allein unterwegs, sie begleitet ihn auf Wanderungen ins Gebirge und auf Vortragsreisen, worüber beide in privaten Aufzeichnungen berichten. Nach wie vor hält er sich in den Sommermonaten mit seinen Kindern und Emma meist am Chiemsee und auf der Fraueninsel auf, ihrer aller Lieblingsort. Haushofer betätigt sich dort nicht nur als Inselchronist, sondern veröffentlicht 1893 auch ein Büchlein, die Studie Chiemsee, in der er allerlei Wissenswertes über Natur und Kulturlandschaft des Chiemgaus mitteilt. Auch Marie lässt in den Künstlerchroniken als Malerin und Dichterin ihr Talent aufscheinen. Noch heute zeugen ihre Einträge und Unterschriften von der engen Beziehung der Familie Haushofer zur Insel.
Ingvild Richardsen forscht über die Frauenbewegungen und vergessenen Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts. 2018 kuratierte sie die Ausstellung »Evas Töchter« (Monacensia), die die Rolle der Schriftstellerinnen in der Münchener Frauenbewegung von 1894 bis 1933 darstellte. Sie hat in Bonn und München Literaturwissenschaften und Philosophie studiert und arbeitet als Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin u.a. an den Universitäten München und Augsburg sowie für das Literaturschloss Edelstetten. Außerdem ist sie als freie Autorin und Kuratorin für zahlreiche Kulturinstitutionen, für Verlage, Film und Fernsehen tätig. Der gleichnamige Begleitband zur Ausstellung erschien im Volk Verlag, München.
Uwe Kullnick ist Redakteur, Sprecher und Moderator für zahlreiche Radiosendungen, Hörbücher (Lyrik, Prosa) und Informations-Apps. Er war Präsident des Freien deutschen Autorenverbandes. Bis heute ist er Präsident des European Chinese Culture Exchange (ECCE) e.V. Im Jahr 2010 wurde er Schriftsteller, Redakteur und Herausgeber. Seit 2015 ist er Gründer und Leiter des Podcast-Radios Literatur Radio Hörbahn. Uwe Kullnick macht und ist verantwortlich für zahlreiche Sendungen mit Schriftsteller*innen aus Literatur, Kunst und Wissenschaft. Außerdem ist er promovierter Biologe. Er studierte Neuro-(elektro)physiologe, Anthropologie, und forensische Sexualpsychologie.
Literatur über Marie Haushofer
